Begegnungen in Äthiopien

Nichts ahnend laufe ich durch das Viertel um den Shola Markt, an dessen Flanke das Kinderhaus von „Ethiopia Arise“ zu finden ist. Auf der Suche nach „Si:kkwar“ Zucker gehe ich von einem Straßenlädchen zum nächsten. Leicht ernüchtert nach 1km Wegstrecke erfolgloser Suche erschallt plötzlich ein kindliches „Ju-li-ja-n“. Völlig erstaunt drehe ich mich zur Seite. Aus einer Lücke in der Wellblechwand schaut der strahlende „Besufekad“, ein 5-jähriger Junge aus dem EA-Kinderhaus. Ein älteren Mann, der sein Großvater sein könnte, steht neben ihm. Die Zuckersuche ist vergessen. Eine solche Begegnung – die aufrichtige Freude in den kindlichen Augen – steckt an. Die üblichen Begrüßungsfloskeln lassen das Herz höher schlagen. Der ältere Herr freut sich sehr, Besufekad strahlt. „Morgen sieht man sich wieder“. Eine kurze, unerwartete, aber gefühlsmäßig völlig überschwängliche Begegnung…

Seit 7 Monaten arbeite ich nun als Volontär bei EA im Kinderhaus in Addis Abeba. Wahnsinnig erfüllend ist, wenn ich sehen darf, wo die eigene Arbeit anknüpft, wie relevant die Arbeit ist, welche Früchte sie trägt und wie das Leben wenige Meter außerhalb der „schützenden Mauern“ wirklich aussieht. In den letzten Wochen habe ich derartige Begegnungen immer häufiger gehabt. Morgens verlassen die Kinder die Hand der Mutter und rennen mit ihren kleinen Füßen viele Meter, um mich drücken zu können. Auf dem Weg zum Kinderhaus müssen die Anwohner wohl regelmäßig kopfschüttelnd auf Kinder blicken, die den „Weißen“ strahlend in die Arme laufen. Nach der Arbeit passiert es häufig, dass ein Kind von irgendwoher ruft und angerannt kommt. Am nächsten Tag berichten sie lachend: „Ich hab dich gestern auf dem Markt gesehen Die Größe macht es für sie natürlich einfacher, ich entdecke sie nicht immer; aber sehen darf ich, in welchen Verhältnissen sie leben.

Wie das Leben als 3-5 jähriges Kind in einer Wellblechhütte (oder „weniger“) in Addis ist, hab ich zwar nie selbst erlebt, allerdings darf ich Tag für Tag damit in Berührung kommen, versuche mich in die Umstände hineinzuversetzen und bin überaus glücklich, wenn ich sehen kann, was die Arbeit von EA für diese Kinder bedeutet.

Das lehrt zu danken. Danke zu sagen für so viele Dinge, die für mich selbstverständlich waren, es aber definitiv nicht überall sind. Und es hilft mir mehr aufrichtige Liebe zu investieren, Liebe für die Kinder, Zeit und Hinhören, Lieder singen und Beten, Spielen und Sport, Schuhe knüpfen und Händewaschen, Essen austeilen und Abtrocknen, Boden schrubben und Stühle putzen, Lachen und Weinen, Trösten und Pflästerchen aufkleben, Zurechtweisen und Belohnen, … Und eine Weisheit, die ich hier ganz praktisch erfahren darf: Je mehr ich gebe, desto mehr darf ich empfangen.

Die Arbeit mit den Kindern bringt Herausforderungen mit sich, aber die Belohnung ist riesig!

Ich bin dankbar!
Julian
Weltwärstfreiwilliger über Co-Workers-International

 

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Kategorien: Äthiopien und Erlebnisberichte.